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Das Fraud Triangle

Das Fraud Triangle beschreibt, unter welchen Voraussetzungen Menschen dolose Handlungen begehen könnten. Eine Antwort auf diese Frage gab bereits vor einem halben Jahrhundert Donald R. Cressey, ein Pionier der Wirtschaftskriminologie. Seine Forschungsergebnisse bilden vielfach heute noch den Ausgangspunkt für die Erklärung wirtschaftskriminellen Verhaltens.


Von besonderer Bedeutung ist hierbei das Model des „Fraud Triangle“, das die drei wesentlichen Faktoren für die Begehung von Wirtschaftsstraftaten beschreibt.

Eine wichtige Erkenntnis aus der Forschung Cresseys ist, das alle diese drei Faktoren aufeinander treffen müssen, damit es tatsächlich zur Begehung einer Wirtschaftsstraftat kommt.

Gelegenheit: Die Gelegenheit ist die grundsätzliche Möglichkeit, eine kriminelle Handlung zu begehen, ohne ertappt zu werden. Die wesentlichen Elemente hierbei sind zum einen die grundsätzliche Informationsbasis des Individuums und zum anderen sind es seine technischen Fähigkeiten. Die grundsätzliche Informationsbasis beschreibt das Wissen des Mitarbeiters darüber, dass seine (Vertrauens-)Position missbraucht werden kann.

Dieses Wissen resultiert z.B. aus

  • dem Wissen über Schwächen im Internen Kontrollsystem,
  • der Kenntnis oder Gerüchten über dolose Handlungen anderer bzw. aus
  • der Erkenntnis heraus, dass aus dem Vertrauen des Arbeitgebers am eigenen Arbeitsplatz persönliche Vorteile gezogen werden können.

Die technischen Fähigkeiten sind solche, die zur tatsächlichen Tatdurchführung benötigt werden. Dies sind in der Regel die Fähigkeiten, die einen Mitarbeiter für die wahrgenommene Funktion qualifizieren, das heißt methodische, fachliche oder Managementkompetenzen. Daraus folgt aber auch, dass in der Regel über die Funktion des Mitarbeiters die Art und Weise des Delikts bzw. der Deliktbegehung im Wesentlichen vorherbestimmt ist.

Druck/Motiv: Cressey benennt als weiteren Faktor ein nicht mitteilbares, finanzielles Problem. Dabei handelt es sich um ein finanzielles Problem, das – nach Empfinden des Täters (!) – nicht anderen mitgeteilt und eventuell gemeinsam mit diesen gelöst werden kann.

Neuere Forschungen zeigen jedoch abweichend zu den Ergebnissen von Cressey, dass es sich beim größeren Teil der Täter nicht um echte Engpasstäter handelt, die sich in einer tatsächlichen persönlichen finanziellen Notlage befinden. In hohem Maße sind beispielsweise auch die aus dem Mitarbeiter-Arbeitgeber-Verhältnis resultierenden Motivlagen relevant (als ungerecht empfundene Vergütungs- oder Beförderungspraxis, Überarbeitung, fehlende, auch immaterielle Anerkennung, Mobbing, etc.).

In vielen Fällen ist also das Streben nach Erhalt oder Steigerung der eigenen Position im Unternehmen bzw. des eigenen gesellschaftlichen Status ein Motiv.

Wichtig ist ferner bei vielen Motivlagen, dass der Täter der Ansicht ist, dass sein Problem geheim gehalten werden muss, um eine Verschlechterung seiner Position oder seines Status zu vermeiden.

Innere Rechtfertigung: Der Täter muss die Tat vor der Tatbegehung sich selbst gegenüber rechtfertigen können, da sich ein (Erst-)Täter regelmäßig nicht als Krimineller betrachtet. Mittels der inneren Rechtfertigung kann er sein Selbstbild als rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft aufrechterhalten.

Gerade im Falle von Wirtschaftskriminellen sind die Täter häufig erstmalig auffällig geworden, sie sind sozial integriert und verfügen über eine gute Sozialprognose. Losgelöst von der inneren Rechtfertigung sind das im Übrigen alles Umstände, die dem Täter in einem späteren Gerichtsverfahren von Vorteil sind.

Mittels der inneren Rechtfertigung kann der Täter sein Selbstbild als rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft aufrechterhalten. Nach der Tatbegehung zerbricht dieses Trugbild jedoch regelmäßig. Klassische innere Rechtfertigungsgründe sind ein Selbstbild als im Wesentlichen nicht kriminelle Persönlichkeit und das Vorliegen von subjektiven Rechtfertigungsgründen. Letztere sind etwa: „Das Geld wird nur ausgeliehen“, „Es ist ohnehin mein Geld“, „Vermeidung von Armut oder Schande der Familie“, „Schädigung des Arbeitgebers ist die ausgleichende Gerechtigkeit für …“ und andere Aussagen, die man regelmäßig bei der Einvernahme von Tätern zu hören bekommt.

Ein Mitarbeiter, der einmal die Grenze überschritten hat und nicht ertappt oder zur Rechenschaft gezogen wurde, wird zukünftig weiterhin (mehr oder weniger regelmäßig) Wirtschaftsstraftaten begehen. Ein einmal eingespieltes und erfolgreiches Fraud-Schema wird verfeinert und immer wieder angewendet werden. 


Ausgewählte Quellen zu und über Donald R. Cressey:

  • Methodological Problems in the Study of Organized Crime as a Social Problem, in: The Annals of the American Academy of Political and Social Science, Vol. 374, 1967, pp. 101-112
  • Theft of the Nation: The Structure and Operations of Organized Crime in America, New York: Harper and Row 1969
  • Organized crime and inner-city youth, in: Crime and Delinquency, Vol. 16(2), 1970, 129-138
  • Criminal Organization: Its Elementary Forms, New York: Harper and Row 1972 
  • Albini, Joseph L., Donald Cressey's Contributions to the Study of Organized Crime: An Wirksamkeit, in: Crime and Delinquency, Vol. 34(3), 1988, pp. 338-354 
  • Rogovin, Charles H., and Frederick T. Martens, The Evil That Men Do, in: Journal of Contemporary Criminal Justice Vol. 8(1), 1992, pp. 62-79